Gleich gestellt

Auch am Arbeitsplatz gelten neue Umgangsregeln.

Das neue Gleichstellungsgesetz greift mit seinen Bestimmungen in alle Bereiche des Lebens ein.
Fachanwalt und Diplom-Kaufmann informierten – und die Zuhörer staunten stumm.

Viele der vier Dutzend Zuhörer, die an der Informationsveranstaltung des Vereins zur Förde-rung der Gladbecker Wirtschaft (VGW) im Innovationszentrum Wiesenbusch teilnahmen, werden zwischen Betroffenheit und Belustigung geschwankt haben.

Die Informationen, die Martin Löbbecke, Gladbecker Fachanwalt für Arbeitsrecht, über das neue “Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz” (kurz AGG) – kenntnisreich und in vielen De-tails – vor ihnen ausbreitete, klangen doch recht abenteuerlich. Löbbecke ist nämlich sicher: “Dieses neue Gesetz wird, wie kein anderes zuvor, künftig Ihr Leben als Arbeitgeber, Arbeit-nehmer, aber auch als Auftraggeber von Dienst- und Werkverträgen, als Mieter, Vermieter oder Versicherungsnehmer beeinflussen.”

Die wesentlichen Ziele dieses Gesetzes seien zwar schon durch den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes und Vorschriften im Bürgerlichen Gesetzbuch umgesetzt. Aber das AGG garantiere nun aber ganz dezidiert in allen Rechtsbereichen und den “Massengeschäften des täglichen Lebens”, dass nun Diskriminierungen nicht mehr zulässig sind. Sie führen zu Unterlassungs- und Schadensersatzansprüchen.

Herabsetzungen wegen Rassismus oder der ethnischen Herkunft, wegen des Alters (”. . . suchen dynamischen, gut aussehenden Mitarbeiter, der gut in unser junges Team passt”) seien strafbewehrt.

Sie finden die Zeitungen voll von solchen Stellenausschreibungen. Das kostet künftig richtig Geld”, sagte Löbbecke dazu. Denn das Gesetz wolle abschreckend wirken, entsprechend dem Firmenumsatz würden die Schadenersatzahlungen ausfallen. Wegen religöser und weltanschaulicher Auffassungen, wegen Behinderungen, Geschlecht oder die sexuelle Aus-richtung dürfe auch nicht benachteiligt werde. Der Fachanwalt riet: “Schreiben Sie möglichst wenig in Ihre Stellenanzeigen oder holen Sie sich Rat. Und schulen Sie Ihrer Mitarbeiter, denn Sie haften für die!”

Bereits jetzt seien so genannte “ AGG-Hopper” dabei, sich bewusst auf Stellen bewerben, die nicht diskriminierungsfrei ausgeschrieben seien, um die Arbeitgeber “abzuzocken”. Löb-becke unverblümt: “Es ist sogar so, dass nach dem Paragraphen 15, Absatz 2, Satz 2, im AGG Bewerbern drei Monatsgehälter als Entschädigung gezahlt werden müssen, wenn sie zwar benachteiligt wurden, sie die Stelle aus anderen Gründen aber sowieso nie bekommen hätten.”

Aus der Praxis berichtete dann Diplom-Kaufmann Dieter Schlug, bei Ineos-Phenol als Per-sonalchef für 1250 Mitarbeiter in zehn Staaten zuständig. Er habe es sich inzwischen zur Gewohnheit gemacht, mit einem Fachkollegen und kollegin Einstellungs und Mitarbeiterge-spräche zu führen.

“Seit ich in den USA arbeitete, habe ich mir angewöhnt, selbst kleine Standardscherze in den Schrank zu hängen.” Er spielte auf eine millionenschwere Abfindung an, die eine “sexistisch angemachte” Mitarbeiterin erstritt, nur weil der Chef auf ihre Bitte zu einer Gehaltserhöhung geantwortet hatte: “Fassen Sie mal einem nackten Mann in die Tasche!”

VGW-Vorsitzender Dr.-Ing. Herbert Müller meinte: “Wenn das so weitergeht, haben wir bald den normierten Menschen ohne kulturelle Unterschiede. Was bringt uns das Gesetz und für wen?” Er hoffe, dass souveräne Richter das Gesetz vernünftig auslegen werden. Die Zuhö-rer waren offenbar von den Neuigkeiten derart “erschlagen”, dass es zu keiner Diskussion kam.

Immerhin gab ihnen Rechtsanwalt Löbbecke eine “Checkliste” mit auf den Heiweg, an der sie sich erst einmal orientieren können.“Ich hänge kleine Standardscherze jetzt lieber in den Schrank”

07.12.2006 Von Detlev Kittler-Capredon