Übers Camp in die Ausbildung. Motivierte Jugendliche nutzen ihre Urlaubszeit, um doch noch den Sprung von der Schule in die Lehrstelle zu schaffen.
04.08.2009 / WAZ +++ Äußerst konzentriert sitzen sechs junge Menschen in zwei Gruppen über Papieren und büffeln gerade an einer Textarbeit. Das soll Teamfähigkeit schulen und am Ende auch, sich und seine Arbeit möglichst vorteilhaft zu präsentieren.
Eigentlich hätten sie jetzt Urlaub, aber sie haben sich aus freien Stücken dazu entschieden, am Sommercamp des Vereins zur Förderung der Gladbecker Wirtschaft (VGW) teilzunehmen. Sie wollen eben alles dafür tun, nach vielen vergeblichen Bewerbungen doch noch einen Ausbildungsplatz zu ergattern.
Sabrina Brammen (16) möchte gerne Bäckereifachverkäuferin oder Köchin werden. Sie hat an der Elsa-Brandström-Schule die Fachoberschulreife erworben. Freunde treffen, schwimmen, Fahrrad fahren zählt die junge Frau zu ihren liebsten Hobbys.
Zwei von ihnen, Alexander Lange (17) und Melih Bakanay (17), haben das Ziel während der vier Wochen des Sommercamps schon erreicht. Die vier anderen, Marcel Schröter (16), Kahan Saltan (16), Fatih Gücülcan (17) und Sabrina Brammen, fühlen sich durch den Erfolg ihrer Mitstreiter nur noch mehr motiviert, als sie es ohnehin schon sind. Bewerbungsgespräche, Rollenspiele, Aufarbeiten von letzten schulischen Defiziten – sie gehen das ernsthaft an. “Und es hat auch total viel gebracht!, sagt beispielsweise Marcel Schröter. “Deutsch, Mathe, Englisch – alles ist wieder aufgefrischt.”
Marcel Schröter (16) sucht einen Ausbildungsplatz als Metallbauer oder Anlagenmechaniker. Gern im Bereich Heizung/Klima. Ein Hauptschulabschluss ist vorhanden. Privat stehen die Freunde, der PC und die Zucht von Hunden, Kaninchen und Fischen ganz vorn.
Den Einsatzwillen ihrer Schützlinge lobt deshalb auch Monika Guthke, zu normalen Schulzeiten Lehrerin an der Erich-Kästner-Realschule, in den Ferien schon zum vierten Mal Lehrerin im Sommercamp. “Wer hierher kommt, der ist hoch motiviert”, sagt sie. “Diese Gruppe ist sehr teamfähig, arbeitsbereit und ich muss sie in den höchsten Tönen loben.”
Sie und Sarah Keller, Sozialpädagogin vom Camp-Partner Stadt Gladbeck und als solche auch im Anstoß-Projekt aktiv, bekommen das Lob von den jungen Leuten postwendend zurück: “Das ist sehr gut, wie die beiden das hier machen.”
Fatih Güclücan (17) hat die Fachoberschulreife erworben und sucht einen Ausbildungsplatz als Industriemechaniker, Verfahrensmechaniker oder Elektroniker. Der Fußball-Fan, der schon gut 40 Bewerbungen abgeschickt hat, arbeitet auch gern am PC.
Monika Guthke, die ja auch ihre freie Zeit einsetzt, liegt einfach das Schicksal der jungen Menschen am Herzen. Aber es sei auch immer eine sehr positive Erfahrung, sagt sie. Und nebenbei: “Es macht auch Freude.”
Hakan Saltan (16) hat die Fachoberschulreife in der Tasche. Privat ist er sportlich aktiv: Fitness, Fußball, Tischtennis stehen auf dem Programm – daneben auch der PC. Seine Berufswünsche: Fliesenleger, Betonfertigbauer oder Verfahrensmechaniker.
“Wer das Sommercamp absolviert hat, der ist ausbildungsreif”, erklärt Margret Lindenberg, Geschäftsführerin des VGW, dem 109 Wirtschaftsunternehmen angehören. Seit 2002 die Idee des Sommercamps umgesetzt wurde, haben auf diesem Weg
über 90 Jugendliche einen Ausbildungsplatz gefunden, die sonst vielleicht keine Chance gehabt hätten. Und die Initiative zeigt doppelten Nutzen: “Für die Jugendlichen finden wir den richtigen Ausbildungsplatz, für die Unternehmen die passenden Auszubildenden”, so Margret Lindenberg. Auf der Strecke bleibe eigentlich niemand. “Wenn es nicht sofort klappt, dann später. Wir bleiben auch nach dem Camp in Kontakt.!
Förderung auch für Abiturienten
Der VGW vergibt in diesem Jahr erstmals Stipendien an vier der besten Abiturienten Gladbecks. Die Stipendien über die Dauer von vier Jahren und in der Höhe von 1000 Euro pro Jahr sollen den Zugang zu einer akademischen Ausbildung erleichtern.